KW 21/2026 · Parlament · Donnerstag, 21.05.2026
Sportfördergesetz: Ein Anfang – aber Athleten und Trainer gehören an den Entscheidungstisch
Der Bundestag hat in seiner 80. Sitzung am 21. Mai 2026 das Sportfördergesetz in erster Lesung beraten. Erstmals soll die Spitzensportförderung des Bundes ein eigenes Gesetz und mit der Spitzensport-Agentur eine neue Steuerung bekommen. Für uns sprachen Jörn König, Thomas Korell und Bastian Treuheit. Hier liest Du, was im Entwurf steht, was wir verlangen und warum Dich das als Sportler, Trainer oder Ehrenamtlicher direkt betrifft.1, 2, 3, 4
Das Wichtigste in Kürze
- Beraten wurde der Regierungsentwurf für das Sportfördergesetz (Drucksache 21/5921) zusammen mit zwei Anträgen der Grünen und einem Antrag der Linken.5
- Kern des Entwurfs ist eine Spitzensport-Agentur mit Stiftungsrat, Vorstand und Sportfachbeirat; im Stiftungsrat stellt der Bund fünf von neun Mitgliedern, ein Athletenvertreter ist dort nicht vorgesehen.5
- Jörn König begrüßte die gesetzliche Grundlage und forderte zwei Athletenvertreter im Stiftungsrat sowie dreimal so viele Trainer- und Athletenvertreter im Sportfachbeirat.
- Thomas Korell stellte den Sanierungsstau bei Sportstätten in den Mittelpunkt und forderte ein nationales Sanierungsprogramm; Bastian Treuheit kritisierte, dass Schwangerschaft und Mutterschutz im Entwurf nicht vorkommen.
- Alle vier Vorlagen gingen zur weiteren Beratung an den Ausschuss für Sport und Ehrenamt (federführend) und an mitberatende Ausschüsse.1
Was ist passiert
Am Donnerstagvormittag rief das Präsidium Tagesordnungspunkt 24 auf. Für die Aussprache waren 60 Minuten vereinbart. Staatsministerin Dr. Christiane Schenderlein eröffnete für die Bundesregierung, danach folgten zehn Redner aus den Fraktionen.1
Neben dem Gesetzentwurf lagen drei Anträge vor: von den Grünen zur Transparenz der Spitzensportförderung und zum Mutterschutz von Athletinnen, von den Linken zu einer Reform der Sportförderung.6, 7, 8
Abgestimmt wurde in der Sache noch nicht. Das Plenum überwies alle Vorlagen wie interfraktionell vorgeschlagen. Den Gesetzentwurf beraten neben dem federführenden Sportausschuss der Verteidigungsausschuss und der Haushaltsausschuss, dieser mitberatend und gemäß § 96 der Geschäftsordnung. Die Anträge gehen zusätzlich an den Haushaltsausschuss sowie je nach Thema an die Ausschüsse für Familie, Recht, Gesundheit oder Arbeit und Soziales.1
Die Drucksachen
- Drucksache 21/5921 – Entwurf eines Gesetzes zur Regelung der Förderung des Spitzensports und weiterer Maßnahmen gesamtstaatlicher Bedeutung im Sport sowie zur Errichtung der Spitzensport-Agentur (Sportfördergesetz – SpoFöG) – Bundesregierung5
- Drucksache 21/4292 – Spitzensportförderung transparent, wirksam und zukunftsfest gestalten – Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN6
- Drucksache 21/6009 – Mutterschutz von Athletinnen wirksam absichern – Schutzlücken für selbstständige Spitzensportlerinnen schließen – Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN7
- Drucksache 21/5568 – Für eine nachhaltige und durchdachte Reform der Sportförderung – Fraktion Die Linke8
Was unsere Redner zum Sportfördergesetz gesagt haben
Jörn König begann mit der Bilanz: Bei Olympia ist Deutschland von über 80 auf 33 Medaillen und Platz zehn gefallen, bei Winterspielen vom ersten auf den fünften Platz. Schon 2016 hätten Innenministerium, DOSB und Sportministerkonferenz ein Reformkonzept beschlossen, erst jetzt komme die Strukturreform. Sein Urteil: „olympiareif ist diese Leistung auf gar keinen Fall“ (Plenarprotokoll 21/80, S. 9509 C).1
Das Gesetz selbst begrüßte König ausdrücklich, weil die Spitzensportförderung erstmals eine gesetzliche Grundlage erhält. Positiv nannte er die Einbeziehung der Special Olympics, des Stützpunktsystems mit dem Standort Kienbaum, die Bauförderung von Spitzensportstätten und die Förderung internationaler Großveranstaltungen. Die Struktur der Agentur hält er für arbeitsfähig, verlangte aber zwei Athletenvertreter im Stiftungsrat, einen olympischen und einen paralympischen. Seine Begründung: „Denn es geht beim Spitzensport immer um die Athleten und eben nicht um die Funktionäre.“ (Plenarprotokoll 21/80, S. 9510 A)1
Weiter forderte König, Trainer und Athleten im Sportfachbeirat jeweils zu verdreifachen und die Agentur ausdrücklich auch mit der Steuerung zu beauftragen. Ziel für absolute Spitzenathleten sind 1.800 Euro im Monat. Die Länder sieht er bei Talentsuche, Schulsport und Schulsportstätten in der Pflicht.2
Thomas Korell kritisierte, dass der Bund im Stiftungsrat fünf von neun Mitgliedern und den Vorsitz stellt, während Athleten und Trainer nur beratend eingebunden sind. Die größte Krise des Sports seien aber die maroden Sportstätten mit einem Sanierungsstau von 31 bis 40 Milliarden Euro. Als gelernter Dachdecker repariere er das Dach der Trainingsstätte seines Vereins selbst, weil das Geld fehlt. Sein Kernsatz: „Olympiasieger entstehen nicht zuerst in Berliner Behörden“ (Plenarprotokoll 21/80, S. 9516 B).1
Die sogenannte Sportmilliarde nannte Korell eine Mogelpackung: auf vier Jahre verteilt, zunächst 833 Millionen Euro verfügbar, davon 250 Millionen für Schwimmbäder, bei Projektanmeldungen von über 7,5 Milliarden Euro. Er forderte ein nationales Sanierungsprogramm, langfristig, unbürokratisch, planungssicher und flächendeckend.3
Bastian Treuheit sprach über eine Leerstelle des Entwurfs: Schwangerschaft und Mutterschutz kommen im Sportfördergesetz nicht vor. Für viele Spitzensportlerinnen beginne mit der Schwangerschaft die Sorge um Geld, Kaderplatz und Sponsor. Er verwies auf eine Sporthilfe-Studie, nach der Spitzensportlerinnen im Schnitt 56 Stunden pro Woche aufwenden und im Durchschnitt 18.680 Euro brutto im Jahr verdienen. Nach einer SWR-Umfrage unter mehr als 700 Spitzensportlerinnen fühle sich nur jede Zehnte von Verein oder Verband unterstützt, trotz Kind Leistungssport zu betreiben.1
Manche Sponsorenverträge kürzten bei Schwangerschaft noch immer die Leistungen. Internationale Sportorganisationen wie FIFA und WTA hätten dagegen klare Regeln geschaffen. Treuheit forderte einen verbindlichen DOSB-Leitfaden zu Schwangerschaft und Mutterschutz, geschulte Ansprechpartner an den Olympiastützpunkten, echten Mutterschutz auch für selbstständige Athletinnen, die Fortführung der Sportförderung nach der Geburt und einen Sonderfonds für Mütter im Leistungssport. Wer Höchstleistungen für Deutschland bringt, darf in dieser Phase nicht alleingelassen werden.4
So haben die anderen Fraktionen argumentiert
Bundesregierung: Staatsministerin Schenderlein will mit der Agentur klare Zuständigkeiten, schlanke Gremien und schnelle Entscheidungen schaffen. Gefördert werde nur, wo konsequent gegen interpersonale Gewalt vorgegangen wird. Der Auftrag der Agentur laute: mehr Medaillen.1
CDU/CSU: Stephan Mayer, Jens Lehmann und Fritz Güntzler sprachen von einem Paradigmenwechsel durch einen unabhängigen Vorstand. Mayer hält die Bundesregierung im Stiftungsrat für überrepräsentiert und kann sich einen Sitz mehr für den organisierten Sport vorstellen. Lehmann würde den Stiftungsrat lieber klein halten und will das Gesetz vor der Sommerpause beschließen.1
SPD: Bettina Lugk sieht vor allem ein Steuerungs- und Strukturproblem, nicht in erster Linie einen Geldmangel. Sie will weniger, aber leistungsfähigere Stützpunkte, begrüßt das Individualbudget und fordert institutionell abgesicherte Mitwirkungsrechte der Athleten.1
Grüne: Tina Winklmann und Dr. Ophelia Nick verlangen einen stimmberechtigten Athletensitz im Stiftungsrat, ein Transparenzportal und Safe Sport als Fördervoraussetzung. Linke: Christian Görke hält die Agentur für intransparent und regierungsdominiert und fordert einen jährlichen Aufwuchs der Förderung sowie eine gesetzliche Mindestförderung für Bundeskader.1, 8
Warum das wichtig ist
Wer im Stiftungsrat sitzt, entscheidet über die Grundsätze der Förderung. Nach dem Entwurf sind das Bund, DOSB und Länder, nicht die Athleten und nicht die Trainer.5 Genau die Menschen, die Leistung bringen und Leistung entwickeln, bleiben im Beirat. Das ist der falsche Aufbau. Unsere Position dazu haben wir bereits ausführlich dargelegt: Sportfördergesetz: Strukturreform ja, aber Athleten und Trainer ins Zentrum.9
Die beste Agentur nützt nichts, wenn die Halle gesperrt ist. Spitzensport wächst aus dem Verein, und der Verein braucht Dach, Dusche und Heizung. Ehrenamtliche, die Sportstätten mit eigenem Geld und eigener Arbeit erhalten, verdienen einen Staat, der seine Aufgaben erledigt. Mehr dazu liest Du in unserem Beitrag Deutschlands Sportstätten verfallen.10
Was wir fordern
- Athleten mit Stimme: Zwei Athletenvertreter im Stiftungsrat, je einer aus dem olympischen und dem paralympischen Sport, mit Verbleib bis fünf Jahre nach dem Karriereende.
- Trainer und Athleten im Beirat: Ihre Vertreterzahl im Sportfachbeirat wird jeweils verdreifacht.
- Steuern statt verwalten: Das Gesetz schreibt fest, dass die Agentur die Förderung nicht nur auszahlt, sondern steuert.
- Athleten absichern: Auskömmliche Förderung für absolute Spitzenathleten mit dem Ziel von 1.800 Euro im Monat und soziale Sicherheit an den Übergängen Schule, Ausbildung, Beruf.
- Sportstätten sanieren: Ein nationales Sanierungsprogramm, langfristig, unbürokratisch, planungssicher und flächendeckend, statt einer gestreckten Sportmilliarde.
- Erfolg messen: Die Agentur wird an Medaillengewinnen und Finalplatzierungen gemessen, wie es § 1 des Entwurfs selbst vorsieht, und die Ergebnisse werden offengelegt.5
Fazit
Das Sportfördergesetz ist ein Anfang, mehr nicht. Die gesetzliche Grundlage ist richtig, die Besetzung der Gremien nicht. Im Ausschuss muss nachgebessert werden: Athleten und Trainer gehören an den Entscheidungstisch, die Agentur braucht einen klaren Steuerungsauftrag.
Ohne sanierte Hallen, Plätze und Bäder fehlt dem Spitzensport der Unterbau. Wir bleiben an beidem dran. Wenn Du in Deinem Verein erlebst, was fehlt, sag es Deinem Abgeordneten. Deutschland kann wieder Sportnation sein, wenn Förderung messbar wirkt.
Quellen
- Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 21/80, Stenografischer Bericht der 80. Sitzung, 21.05.2026. https://dserver.bundestag.de/btp/21/21080.pdf (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩
- Deutscher Bundestag, Mediathek: Rede von Jörn König (AfD), 80. Sitzung, 21.05.2026. https://www.bundestag.de/mediathek/video?videoid=7653359 (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩
- Deutscher Bundestag, Mediathek: Rede von Thomas Korell (AfD), 80. Sitzung, 21.05.2026. https://www.bundestag.de/mediathek/video?videoid=7653364 (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩
- Deutscher Bundestag, Mediathek: Rede von Bastian Treuheit (AfD), 80. Sitzung, 21.05.2026. https://www.bundestag.de/mediathek/video?videoid=7653367 (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩
- Deutscher Bundestag: Drucksache 21/5921, Gesetzentwurf der Bundesregierung: Entwurf eines Gesetzes zur Regelung der Förderung des Spitzensports und weiterer Maßnahmen gesamtstaatlicher Bedeutung im Sport sowie zur Errichtung der Spitzensport-Agentur (Sportfördergesetz – SpoFöG), 13.05.2026. https://dserver.bundestag.de/btd/21/059/2105921.pdf (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩ ↩ ↩ ↩
- Deutscher Bundestag: Drucksache 21/4292, Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Spitzensportförderung transparent, wirksam und zukunftsfest gestalten, 24.02.2026. https://dserver.bundestag.de/btd/21/042/2104292.pdf (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩
- Deutscher Bundestag: Drucksache 21/6009, Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Mutterschutz von Athletinnen wirksam absichern – Schutzlücken für selbstständige Spitzensportlerinnen schließen, 19.05.2026. https://dserver.bundestag.de/btd/21/060/2106009.pdf (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩
- Deutscher Bundestag: Drucksache 21/5568, Antrag der Fraktion Die Linke: Für eine nachhaltige und durchdachte Reform der Sportförderung, 23.04.2026. https://dserver.bundestag.de/btd/21/055/2105568.pdf (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩ ↩
- sportfrei.de: Sportfördergesetz: Strukturreform ja, aber Athleten und Trainer ins Zentrum, 03.07.2026. https://sportfrei.de/ak-aktuell/sportfoerdergesetz-athleten-trainer-stiftungsrat/ (abgerufen am 13.10.2026) ↩
- sportfrei.de: Deutschlands Sportstätten verfallen – und mit ihnen die Zukunft unseres Sports, 24.03.2026. https://sportfrei.de/ak-aktuell/deutschlands-sportstaetten-verfallen-und-mit-ihnen-die-zukunft-unseres-sports/ (abgerufen am 13.10.2026) ↩