Wenn ein Kanzler das Ehrenamt relativiert
Der Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz beim 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg hat nicht nur wegen Buhrufen, Zwischenrufen und sichtbarem Unmut im Saal Aufmerksamkeit erzeugt. Für viele Ehrenamtliche besonders irritierend war eine Passage, in der Merz Engagement in Bereichen wie Musik, Sport und Umweltschutz zwar als „alles gut, alles richtig“ bezeichnete, es aber zugleich als eher „punktuell“ einordnete und damit parteipolitisches Engagement höher gewichtete.
Gerade für Menschen, die seit Jahren ehrenamtlich Verantwortung übernehmen, wirkt diese Einordnung realitätsfern. Wer Kinder trainiert, Vereinsarbeit organisiert, Veranstaltungen absichert, Hausaufgabenhilfe gibt, in der Kirche, bei der Feuerwehr, im Sportverein oder in sozialen Initiativen Verantwortung trägt, leistet keinen punktuellen Nebenbeitrag. Er trägt dieses Land mit.
Was in Würzburg gesagt wurde
Die Szene spielte sich am 15. Mai 2026 beim Podium „Gemeinsam Zukunft gestalten“ auf dem 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg ab. Auf dem Podium saßen neben Merz unter anderem Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, und Lisa Quarch vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend.
Die vollständige schriftliche Transkription der Ehrenamts-Passage liegt nicht in amtlicher Form vor. In öffentlich zugänglichen Videoausschnitten und Berichten wird die Aussage jedoch übereinstimmend so wiedergegeben, dass Merz ehrenamtliches Engagement etwa in Musik, Sport und Umweltschutz als „ehrenwert“ bezeichnete, es aber als „punktuell“ einordnete und im Vergleich zu längerfristigem parteipolitischem Engagement als weniger ersetzbar erscheinen ließ.
Genau diese Hierarchie ist der Kern der Kritik. Denn sie unterstellt, dass gesellschaftliche Verantwortung erst dann ein besonderes politisches Gewicht bekommt, wenn sie in Parteien organisiert ist. Das verkennt, dass demokratische Kultur, gesellschaftlicher Zusammenhalt und konkrete Hilfe im Alltag sehr oft außerhalb von Parteien entstehen und dort über Jahre oder Jahrzehnte verlässlich getragen werden.
Die Hierarchie des Engagements bei Merz
Unter der Überschrift „Gemeinsam Zukunft gestalten“ warb Merz zunächst für kommunales Engagement. Städte, Dörfer und Kreise seien die Ebenen, auf denen die örtlichen Bedingungen des Zusammenlebens gestaltet würden. Anschließend schlug er den Bogen zu den Parteien: Er warb ausdrücklich dafür, in „die politischen Parteien der Mitte“ einzutreten, betonte seine Präferenz für die eigene Partei und erklärte sinngemäß, Demokratie lebe von ihren Mitgliedern.
Das ist für sich genommen nicht falsch. Parteien sind ein Bestandteil demokratischer Willensbildung. Aber daraus folgt nicht, dass andere Formen des Engagements nachrangig sind.
Der entscheidende Punkt ist die Gegenüberstellung. Wenn Sport, Musik, Naturschutz oder Umweltschutz als „punktuell“ markiert werden, während Parteiarbeit als dauerhafter und eigentlicher Beitrag zur Demokratie erscheint, entsteht eine Schieflage. Für Millionen Ehrenamtliche, die über Jahre und Jahrzehnte Verantwortung in Vereinen, Hilfsdiensten, Kirchen, Initiativen und Projekten tragen, wirkt das wie eine Abwertung ihrer Lebensleistung.
Die Botschaft lautet dann: Wer wirklich Verantwortung übernehmen will, soll in die Partei gehen. Alles andere ist nett, aber zweitrangig. Das ist nicht nur politisch unklug. Es ist gesellschaftlich blind.
Der symbolische Widerspruch auf der Bühne
Besonders bemerkenswert war die Symbolik des Auftritts. Direkt neben Merz stand sichtbar der Katholikentags-Slogan „Hab Mut, steh auf!“, der auch auf der Bühnenrückwand eingeblendet war. Während Jugendvertreter ihre Erfahrungen schilderten, mehr Beteiligung forderten und pauschale Erzählungen über angeblich „faule“ junge Menschen kritisierten, räumte Merz ein, er müsse seine Kommunikation verbessern.
Als sich die Stimmung im Saal zunehmend auflud, Menschen aufstanden, Plakate hochhielten und ihren Unmut über die Politik der Bundesregierung äußerten, kippte die Szene. Merz kommentierte die Proteste sinngemäß als mangelnde Toleranz. Genau darin lag der symbolische Bruch: Das Publikum nutzte den Raum, um sich im Sinne des Mottos zu erheben und Widerspruch zu äußern, während der Kanzler dieses Aufstehen als Grenzüberschreitung wertete.
Ehrenamt ist kein Beiwerk
Ein Bundeskanzler muss nicht jede Form des Protests gutheißen. Aber er sollte wissen, welche Bedeutung ehrenamtliches Engagement für dieses Land hat und wie sensibel eine abwertend wirkende Hierarchisierung aufgenommen wird.
Das Ehrenamt ist kein dekorativer Zusatz zum Staat, den man bei Sonntagsreden lobt und montags wieder vergisst. Es ist ein tragender Teil des gesellschaftlichen Lebens. Millionen Menschen engagieren sich freiwillig und unentgeltlich für andere: in Sportvereinen, Kulturarbeit und Jugendarbeit, in Nachbarschaftshilfe und Integration, in Rettungsdiensten, Feuerwehren und Katastrophenschutz.
Gerade im Sport zeigt sich, wie zentral dieses Engagement ist. Die sportpolitischen Leitlinien der AfD-Bundestagsfraktion verweisen darauf, dass rund 28 Millionen Menschen Mitglied in knapp 90.000 Sportvereinen sind und dass Millionen Ehrenamtliche die Grundlage des Breitensports bilden. Ohne Trainer, Übungsleiter, Betreuer, Vereinsvorstände, Kampf- und Schiedsrichter sowie freiwillige Helfer wäre organisierter Sport in Deutschland kaum denkbar.
Auch das Sportkonzept der AfD-Bundestagsfraktion beschreibt das Ehrenamt ausdrücklich als unverzichtbare Grundlage des Vereinssports. Dort wird festgehalten, dass ehrenamtliche Arbeit zunehmend schwerer zu gewinnen und zu halten ist, weil Bürokratie, Haftungsfragen, steigende Kosten und wachsende organisatorische Anforderungen viele Vereine belasten.
Bisherige Anträge zur Stärkung des Ehrenamts wurden nicht unterstützt
Besonders bemerkenswert ist: Es blieb nicht bei Worten. Es gab konkrete parlamentarische Initiativen, um Ehrenamtliche und Sportvereine zu entlasten. Doch genau diese Initiativen wurden von den anderen Parteien nicht mitgetragen, abgelehnt oder blieben ohne die notwendige politische Unterstützung. Da steht er wieder, der politische Klassiker: Erst wird das Ehrenamt öffentlich beklatscht, dann wird bei konkreter Entlastung betreten auf den Tisch geguckt.
So wurde mit der Drucksache 19/14346 der Antrag „Stärkung des Ehrenamts – Ausbau der Ehrenamtskarte“ eingebracht. Ziel war es, ehrenamtlich aktiven Bürgern bessere und bundesweit nutzbare Anerkennung sowie konkrete Vergünstigungen zu ermöglichen. Denn bisher unterscheiden sich Ehrenamtskarten je nach Bundesland und Kommune erheblich; gerade in strukturschwachen Regionen haben Ehrenamtliche dadurch oft weniger praktische Vorteile. Der Bundestag behandelte diesen Antrag im Zusammenhang mit der Errichtung der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Beschlossen wurde am Ende jedoch der Gesetzentwurf von CDU/CSU und SPD; der AfD-Antrag zum Ausbau der Ehrenamtskarte wurde abgelehnt.
Auch der Antrag „Förderung und Unterstützung ehrenamtlicher Funktionsträger im Sportverein“ zielte darauf ab, ehrenamtliche Funktionsträger im Vereinssport konkret zu stärken. Die korrekte Drucksachennummer lautet 20/10392. Inhaltlich ging es um genau das Problem, das die Vereine seit Jahren schildern: Der Vereinssport ist ohne Ehrenamt nicht möglich, gleichzeitig wird es immer schwieriger, Menschen für Vorstände, Organisation, Training und Betreuung zu gewinnen. Gefordert wurden unter anderem bessere Aus- und Weiterbildungsprogramme, finanzielle Entlastung für Vereine bei der Ausbildung ehrenamtlicher Funktionsträger, weniger Bürokratie sowie eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung ehrenamtlicher Qualifikationen. Die Beschlussempfehlung des Sportausschusses lautete auf Ablehnung; empfohlen wurde dies mit den Stimmen von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und der Gruppe Die Linke gegen die Stimmen der AfD.
Hinzu kommt der Gesetzentwurf zur steuerlichen Entlastung von Sportvereinen, das sogenannte SportVereinsEntLG, Drucksache 20/8412. Er sollte Sportvereine steuerlich entlasten, Investitionspotenziale stärken und finanzielle Notlagen abfedern. Konkret ging es unter anderem um weniger Steuerbürokratie, höhere Freigrenzen für wirtschaftliche Geschäftsbetriebe und eine Anhebung steuerlicher Freibeträge. Auch dieser Gesetzentwurf wurde im parlamentarischen Verfahren abgelehnt.
Das zeigt ein Muster: Wenn es um festliche Anerkennung geht, sind fast alle dabei. Wenn es aber um echte Entlastung geht, um Bürokratieabbau, steuerliche Vereinfachungen, bundesweite Vergünstigungen und praktische Unterstützung, endet die Begeisterung erstaunlich schnell. Offenbar ist das Ehrenamt politisch am beliebtesten, solange es nichts kostet und keine Machtverhältnisse stört.
Mögliche Erkenntnis
Die Debatte um Merz’ Aussage offenbart deshalb mehr als nur ein missglücktes Wort auf einer Bühne. Sie zeigt eine tiefere politische Geringschätzung gegenüber jenen Menschen, die das Gemeinwesen im Alltag zusammenhalten. Wer Ehrenamtliche als „punktuell“ einordnet, während konkrete parlamentarische Vorschläge zur Stärkung des Ehrenamts abgelehnt, nicht unterstützt oder ausgesessen werden, sendet ein doppeltes Signal: Man lobt das Ehrenamt, solange es als Kulisse taugt, aber man scheut die Konsequenzen, wenn daraus politische Verpflichtungen entstehen.
Die eigentliche Erkenntnis lautet daher: Nicht die Ehrenamtlichen haben ein Anerkennungsproblem. Die Politik hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Was ohne Ehrenamt passieren würde
Wer den Wert des Ehrenamts kleinredet, sollte sich ein Deutschland ohne Ehrenamt vorstellen. Dieses Szenario ist keine Übertreibung, sondern ein realistischer Blick auf die Folgen eines massiven Rückzugs freiwilligen Engagements.
Ohne Ehrenamt würden viele Sportvereine keine Trainingsangebote mehr aufrechterhalten. Jugendmannschaften würden nicht betreut, Ferienfreizeiten nicht organisiert und kulturelle Angebote in Städten und Dörfern wegbrechen. Soziale Treffpunkte würden verschwinden, Einsamkeit würde zunehmen, und Kindern wie Jugendlichen gingen wichtige Räume für Entwicklung, Gemeinschaft und Verantwortung verloren.
Noch gravierender wären die Folgen für Sicherheit und Versorgung. Freiwillige Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Sanitätsdienste und Teile des Katastrophenschutzes tragen erheblich zur Gefahrenabwehr bei. Ohne sie würden Einsatzfähigkeit, Reaktionszeiten und lokale Resilienz massiv leiden.
Auch Tafeln, Besuchsdienste, kirchliche Hilfen, Integrationsangebote und Nachbarschaftsinitiativen könnten ohne Ehrenamt nicht bestehen. Deutschland wäre ohne diese Strukturen nicht nur ärmer an Solidarität, sondern konkret unsicherer, einsamer und sozial brüchiger.
Was von einem Kanzler zu erwarten wäre
Ein Kanzler sollte froh sein, dass es in Deutschland Millionen Menschen gibt, die sich ohne Bezahlung für andere einsetzen. Er sollte dieses Engagement nicht in eine Rangordnung bringen, in der Parteimitgliedschaft oder parteipolitische Aktivität als wertvoller erscheint als das konkrete Dienen am Mitmenschen.
Zu erwarten wäre eine Sprache des Respekts, der Anerkennung und des Dankes. Vor allem aber wäre politische Konsequenz zu erwarten: weniger Bürokratie, bessere Förderung, steuerliche Entlastung für Vereine, bundesweit wirksame Anerkennungssysteme, mehr Schutz für Einsatzkräfte und eine öffentliche Kultur, die freiwillige Arbeit nicht als Randnotiz behandelt.
Die Szene in Würzburg bleibt deshalb mehr als ein Kommunikationsfehler. Sie zeigt, wie schnell politische Sprache Vertrauen verspielen kann, wenn sie den Alltag derjenigen verkennt, die dieses Land zusammenhalten: lange bevor irgendein Parteitag beginnt und lange nachdem ein Podium beendet ist.
Quellen
- Phoenix / YouTube: „Gemeinsam Zukunft gestalten“: Podium mit Friedrich Merz auf dem 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg: https://www.youtube.com/watch?v=fxD-oit7hJU
- Deutschlandfunk: „Bundeskanzler Merz räumt Probleme bei der Kommunikation ein“, 16.05.2026: https://www.deutschlandfunk.de/bundeskanzler-merz-ruft-junge-menschen-zu-mehr-politischem-engagement-auf-102.html
- Zeit Online/dpa: „Merz: Vielleicht streiten wir im Augenblick zu viel“, 15.05.2026: https://www.zeit.de/news/2026-05/15/merz-vielleicht-streiten-wir-im-augenblick-zu-viel
- ARD-Hauptstadtstudio Instagram-Beitrag zum Auftritt von Friedrich Merz beim Katholikentag, 15.05.2026: https://www.instagram.com/reel/DYXGN5isM4h/
- Deutscher Bundestag: „AfD legt Antrag zum Ausbau der Ehrenamtskarte vor“, 24.10.2019: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2019/kw43-de-ehrenamtskarte-663290
- Deutscher Bundestag, Drucksache 19/14346: „Stärkung des Ehrenamts – Ausbau der Ehrenamtskarte“: https://dserver.bundestag.de/btd/19/143/1914346.pdf
- Deutscher Bundestag: „Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt“, 30.01.2020; enthält Ablehnung des AfD-Antrags 19/14346: https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2020/kw05-de-stiftung-ehrenamt-677982
- Deutscher Bundestag, Drucksache 19/16916: Beschlussempfehlung und Bericht zur Stiftung für Engagement und Ehrenamt / Ehrenamtskarte: https://dserver.bundestag.de/btd/19/169/1916916.pdf
- Deutscher Bundestag, Drucksache 20/10392: „Förderung und Unterstützung ehrenamtlicher Funktionsträger im Sportverein“: https://dserver.bundestag.de/btd/20/103/2010392.pdf
- Deutscher Bundestag / hib: „AfD will das Ehrenamt im Sport stärken“, 22.02.2024: https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-990972
- Deutscher Bundestag, Drucksache 20/12013: Beschlussempfehlung und Bericht zum Antrag 20/10392: https://dserver.bundestag.de/btd/20/120/2012013.pdf
- DIP: Vorgang „Förderung und Unterstützung ehrenamtlicher Funktionsträger im Sportverein“: https://dip.bundestag.de/vorgang/f%C3%B6rderung-und-unterst%C3%BCtzung-ehrenamtlicher-funktionstr%C3%A4ger-im-sportverein/309085
- Deutscher Bundestag, Drucksache 20/8412: SportVereinsEntLG: https://dserver.bundestag.de/btd/20/084/2008412.pdf
- DIP: Vorgang SportVereinsEntLG, Beratungsstand „Abgelehnt“: https://dip.bundestag.de/vorgang/gesetz-zur-steuerlichen-entlastung-von-sportvereinen-zur-f%C3%B6rderung-der-investitionspotenziale/303745
- Deutscher Bundestag, Drucksache 20/5557: „Ganztagsschule – Verbindliche Kooperation zwischen Schulen und Sportvereinen“: https://dserver.bundestag.de/btd/20/055/2005557.pdf
- AfD-Bundestagsfraktion: Sportpolitische Leitlinien, Stand Dezember 2025: https://afd-fraktion.de/wp-content/uploads/2026/03/sportpolitische-thesen-2025_dinA4_hoch_v6.0-DIGITAL.pdf


