Das Versagen der deutschen Sportförderung
Ein Kommentar von Sportfrei
Die ZDF-Doku „OnlyBob – Mein Körper. Mein Kapital“ hat uns aufmerksam gemacht. Berichte bei Sportschau, Kicker, Sport1, t-online, der Freien Presse und in den sozialen Medien haben das Thema während der Olympischen Winterspiele 2026 weiter in die Öffentlichkeit getragen. Das Bild, das sich zeigt, ist kein Randphänomen. Es ist ein Muster. Und es zeigt ein strukturelles Versagen der deutschen Sportförderung.
Die Fälle: Was Medien berichten
Lisa Buckwitz, Olympiasiegerin 2018 und Weltmeisterin 2024 im Bob, finanziert ihren Sport über die Erotikplattform OnlyFans. Fans zahlen knapp 25 Dollar im Monat. Sie posiert im Sport-BH, im Bikini, im engen Bobanzug. In der ZDF-Doku sagt sie: „Es ist ein bisschen traurig, dass ich nicht einfach nur meinen Leistungssport machen kann.“ Sie rechnet vor, dass eine Bob-Saison rund 50.000 Euro verschlingt – für Trainingslager, Flüge, Material und Prämien für ihre Anschieberinnen. OnlyFans sei für sie „ein Sponsor, der mir neben der Bundeswehr den Sport ermöglicht“.
Bob-Anschieber Georg Fleischhauer, einer der stärksten Anschieber im Weltcup und Teamkollege von Pilot Johannes Lochner, ist seit Januar 2026 ebenfalls auf OnlyFans aktiv. Knapp 20 Dollar im Monat. Er arbeitet nebenbei in Teilzeit in einer Unternehmensberatung. Im Sportschau-Interview sagt er: „Man ist einfach nicht abgesichert.“ Gegenüber der Bild betont er:
„Ich bin kein Pornostar.“
Skispringerin Juliane Seyfarth, zweifache Mannschafts-Weltmeisterin und Olympiateilnehmerin 2018, 2022 und 2026, geht einen ähnlichen Weg. Sie posierte 2021 für den Playboy und ist aktuell auf dem Cover der Playboy-Special-Edition „Die 30 schönsten Olympia-Stars“. Unter dem Künstlernamen „Nayeli Rose“ betreibt sie ein freizügiges Profil auf der Plattform BestFans – einer mit OnlyFans vergleichbaren Abo-Plattform für exklusive Inhalte. Laut Sport1 und Bild trennt sie bewusst zwischen der Sportlerin Juliane und der Künstlerin Nayeli. Sie nutzt nicht OnlyFans, sondern BestFans – die Mechanik ist jedoch die gleiche: Fans zahlen für Zugang zu freizügigen Inhalten.
Und es geht weiter: Sechs Eisschnellläufer des Eissportclubs Erfurt – Hendrik Dombek, Max Strübe, Stefan Emele, Felix Maly, Konstantin Götze und Sophie Warmuth, allesamt Mitglieder der Nationalmannschaft – haben für den Aktkalender „Eis, Eis, Baby 2026″ posiert. Im Vorjahr brachte eine ähnliche Aktion rund 3.500 Euro ein, um eine Finanzierungslücke zu schließen. Die Süddeutsche Zeitung, Watson und die Sportschau berichteten darüber.
Die Realität hinter der „Nähe zu den Fans“
Offiziell geht es um Einblicke in den Trainingsalltag, um Nähe zu den Fans, um Wertschätzung für den eigenen Körper. Buckwitz und Fleischhauer betonen, dass sie keine Nacktbilder zeigen. Seyfarth spricht von Kunst. Das klingt nach einem selbstbestimmten Projekt. Doch sei ehrlich: OnlyFans und vergleichbare Plattformen sind keine Sportdokumentationen. Sie wurden als Erotikplattformen bekannt und funktionieren nach den Regeln der Erotikbranche. Buckwitz gibt selbst zu, dass das Sexuelle „natürlich ein Thema“ sei.
Und genau hier wird es kritisch. Auf OnlyFans hat sich ein ganzes Geschäftsmodell rund um sogenannte Chatter entwickelt. Das sind externe Personen oder mittlerweile sogar KI-Systeme, die im Namen des Creators mit den zahlenden Fans kommunizieren. Diese Chatter werden gezielt geschult, um Nutzer emotional zu binden und zu weiteren Käufen zu bewegen. Rund 80 Prozent der Einnahmen auf OnlyFans werden nicht durch Abos generiert, sondern durch Zusatzverkäufe im Chat. In den USA läuft bereits eine Sammelklage gegen OnlyFans wegen dieser Praxis. Die versprochene persönliche Nähe ist in vielen Fällen ein professionell gesteuerter Verkaufsprozess. Stell Dir die ehrliche Frage: Will ein zahlender Fan wirklich wissen, wie eine Bobpilotin ihre Kufen pflegt? Oder erwartet er etwas anderes für sein Geld?
Das eigentliche Problem: Ein System, das Sportler im Stich lässt
Dass deutsche Olympiasieger und Weltmeister ihren Sport über Erotikplattformen, Aktkalender und Playboy-Shootings finanzieren müssen, ist kein Problem der Sportler. Es ist ein Systemversagen. Buckwitz bringt es auf den Punkt: „Nur mit der Goldmedaille interessiert sich keiner für Lisa Buckwitz.“
Die Zahlen belegen das. Ein Olympiasieg wird in Deutschland mit 30.000 Euro prämiert – ausgezahlt in Raten über zwölf Monate. Die Grundförderung für Top-Team-Athleten liegt bei 800 Euro im Monat, für Nachwuchskader bei 700 Euro. Davon kann niemand leben. Laut einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln verlieren Spitzensportler zwischen 18 und 30 Jahren durchschnittlich 58.000 Euro an Bruttoeinkommen. Rechnet man späten Berufseinstieg und fehlende Altersvorsorge hinzu, sind es eher 80.000 Euro. Viele Nachwuchstalente brechen ihre Karriere vorzeitig ab, weil sie sich den Sport nicht leisten können.
Parallel fehlen Trainer. Die Vergütung von Bundestrainern ist gedeckelt und wird seit Jahren nicht regelmäßig angepasst. Viele arbeiten mit befristeten Verträgen ohne Planungssicherheit. Olympiastützpunkte sind teilweise marode. Der Investitionsstau bei Sportstätten liegt bei ca. 40 Milliarden Euro. Deutschland hat kein Sportproblem. Deutschland hat ein Priorisierungsproblem.
Was wir vom Arbeitskreis Sport konkret beantragt haben
Wir vom Arbeitskreis Sport der AfD-Bundestagsfraktion haben in der 20. Wahlperiode eine Reihe konkreter Anträge in den Bundestag eingebracht, die genau diese Probleme adressieren. Keine Symbolpolitik. Keine Absichtserklärungen. Sondern messbare Maßnahmen mit konkreten Summen.
Wir haben beantragt, die Grundförderung für Kadersportler anzuheben (Drucksache 20/10066). Von 700 auf 1.000 Euro für Top-Team-Future, von 800 auf 1.400 Euro für Top-Team-Athleten. Damit Sportler trainieren können, statt Abos verkaufen zu müssen.
Wir haben beantragt, die Vergütung für Bundestrainer zu erhöhen (Drucksache 20/2596) und die automatische Dynamisierung der Vergütungshöchstbeträge gefordert (Drucksache 19/8989). Bundestrainer sind die Schlüsselpersonen im Hochleistungssport. Ohne angemessene Bezahlung verlieren wir sie.
Wir haben beantragt, den gesellschaftlichen Stellenwert des Sports zu stärken (Drucksache 20/2363) – Sport als Staatsziel im Grundgesetz, bessere Rahmenbedingungen, mehr Wertschätzung für den Leistungssport.
Wir haben beantragt, die Olympiaprämien deutlich anzuheben (Drucksache 20/194). Auch wenn die Prämie jetzt von 20.000 auf 30.000 Euro für Gold erhöht wurden, sind sie international nicht konkurrenzfähig und zeigen unseren Sportlern, wie wenig ihre Leistung Deutschland wert ist.
Wir haben ein Sondervermögen von 40 Milliarden Euro für die Sportstätteninfrastruktur gefordert (Drucksache 20/6438) – um den milliardenschweren Sanierungsstau bei Hallen, Bädern und Sportanlagen zu beseitigen.
Und wir haben die Weiterentwicklung der Dualen Karriere im Spitzensport beantragt (Drucksache 20/11394) – mehr Laufbahnberater, bundesweite Vernetzung, bessere Vereinbarkeit von Sport und Beruf.
Abgelehnt. Jedes einzelne Mal.
Das Ergebnis ist ernüchternd: Sämtliche Anträge wurden von den Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke abgelehnt. Das ist aktenkundig. Bereits die mehrfach gestellten Anträge auf deutliche Anhebung der Olympiaprämien wurden niedergestimmt – mit der Begründung, eine „einseitige Fokussierung auf Medaillengewinne setze Fehlanreize“.
Während andere Parteien über Reformen reden, haben wir konkrete Millionen für den deutschen Sport gefordert. Abgelehnt. Jedes einzelne Mal.
Position von Sportfrei
Sportfrei steht für eine klare Linie: Leistungssport darf nicht durch digitale Selbstvermarktung auf Erotikplattformen finanziert werden müssen. Sportler müssen trainieren können, nicht Abos verkaufen und nicht für Aktkalender posieren. Spitzensport braucht staatliche Absicherung, die diesen Namen verdient.
Sportfrei steht für finanzielle Sicherheit von Sportlern. Sportfrei steht für Konzentration auf Leistung statt Plattformökonomie. Sportfrei steht für Deutschland als ernsthafte Sportnation.
Fazit
Sportler brauchen Sicherheit, keine Abo-Modelle. Deutschland braucht Medaillen, nicht Content Creator. Leistung entsteht durch Training, nicht durch Selbstdarstellung auf Plattformen, deren Geschäftsmodell auf emotionaler Täuschung und bezahlter Pseudonähe basiert.
Die Anträge lagen auf dem Tisch. Die Zahlen waren klar. Die Maßnahmen waren benannt. Und die Mehrheit des Bundestags hat sie abgelehnt. Wer sich danach über das schlechte Abschneiden deutscher Athleten wundert oder irritiert ist, dass Olympiasieger auf OnlyFans landen, der sollte sich an das eigene Abstimmungsverhalten erinnern.
Deutschland kann wieder Sportnation werden. Aber nur, wenn Leistung wieder zählt. Wenn Förderung auf dem Trainingsplatz ankommt. Wenn Trainer fair bezahlt werden. Wenn Stützpunkte modernisiert werden. Wenn Nachwuchstalente eine echte Perspektive haben. Und wenn Sportler ihren Körper für den Wettkampf trainieren – nicht für Abonnenten.
Deutschland hat alles, was es braucht: Talente, Tradition und Potenzial. Was fehlt, ist politischer Wille. Das zu ändern, liegt an Dir.
Quellen:
- ZDF-Doku: „Lisa Buckwitz: OnlyBob – Mein Körper. Mein Kapital“, Erstausstrahlung 16.01.2026 Sportschau: „Nackte Wahrheiten im Wintersport – wie sich Olympia-Athleten finanzieren“, Januar 2026
- Kicker: „OnlyFans als Sponsor für Olympia-Traum“, Januar 2026
- t-online: „Lisa Buckwitz: Deutscher Olympia-Star ist auf OnlyFans“, Februar 2026
- Freie Presse: „Olympia-Star Georg Fleischhauer vermarktet seine Haut jetzt auf OnlyFans“, 17.02.2026
- Sport1: „Deutscher Olympia-Star verteidigt freizügige Bilder“, Februar 2026 heute.at: „Olympia-Stars zeigen alles“, 15.02.2026
- heute.at: „Skisprung-Weltmeisterin lässt die Hüllen fallen“ (zu Juliane Seyfarth / BestFans), Februar 2026
- Watson/Süddeutsche Zeitung: „Eisschnellläufer posieren für Aktkalender“, Dezember 2025 Deutscher Bundestag, Drucksache 20/10066 – Antrag: „Grundförderung für Kadersportler anheben“, 16.01.2024
- Deutscher Bundestag, Drucksache 20/2596 – Antrag: „Erhöhung der Vergütung für Bundestrainer“, 05.07.2022
- Deutscher Bundestag, Drucksache 19/8989 – Antrag: „Automatische Anpassung der Vergütung für Leistungssportpersonal“, 03.04.2019
- Deutscher Bundestag, Drucksache 20/2363 – Antrag: „Sportnation Deutschland – Stärkung des Stellenwerts des Sports“, 21.06.2022
- Deutscher Bundestag, Drucksache 20/194 – Antrag: „Erhöhung der Prämien für Olympiasieger“, 07.12.2021
- Deutscher Bundestag, Drucksache 20/6438 – Antrag: Sportstätteninfrastruktur / 40 Mrd. Euro Sondervermögen, 20.09.2022
- Deutscher Bundestag, Drucksache 20/11394 – Antrag: „Duale Karriere im Spitzensport weiterentwickeln“, 14.05.2024
- Dokumentenarchiv des Deutschen Bundestags: https://dip.bundestag.de


