KW 24/2026 · Parlament · Mittwoch, 10.06.2026
Fankultur im Fußball braucht Respekt statt Generalverdacht und Heuchelei
Am 10. Juni 2026 hat der Bundestag in seiner 82. Sitzung über die Fankultur im Fußball debattiert. Auf dem Tisch lagen ein Gesetzentwurf und ein Antrag der Grünen sowie ein Antrag der Linken: Zeugnisverweigerungsrecht für Sozialarbeit, Fanrechte, Stadionverbote, Überwachung. Für unseren Arbeitskreis sprach Lars Schieske. Hier liest Du, was beraten wurde, was er gesagt hat und was wir daraus fordern.1, 2
Das Wichtigste in Kürze
- Beraten wurden die Drucksachen 21/4290 und 21/4293 der Grünen sowie 21/5826 der Linken in verbundener Debatte von 30 Minuten.3, 4, 5
- Lars Schieske stellte die Fankultur als Ausdruck von Heimat, Leidenschaft, Ehrenamt und Zusammenhalt heraus, von der Bundesliga bis zum Dorfverein.
- Er warf Grünen und Linken vor, Fangruppen über Jahre selbst politisch etikettiert zu haben, und forderte Respekt, Dialog und faire Behandlung.
- CDU/CSU lehnte das erweiterte Zeugnisverweigerungsrecht ab, die SPD unterstützte es für Fanprojekte.
- Alle drei Vorlagen wurden an die Ausschüsse überwiesen, der Fanrechte-Antrag federführend an den Ausschuss für Sport und Ehrenamt.1
Was ist passiert
Aufgerufen wurden die Tagesordnungspunkte 4a, 4b und 22 gemeinsam. Den Auftakt machte Helge Limburg für die Grünen, Lars Schieske beendete die Aussprache als letzter Redner. Für die AfD-Fraktion sprachen außerdem Knuth Meyer-Soltau und Tobias Matthias Peterka.1
Abgestimmt wurde in der Sache nicht. Interfraktionell wurde die Überweisung an die in der Tagesordnung genannten Ausschüsse vorgeschlagen, weitere Vorschläge gab es nicht. Der Gesetzentwurf 21/4290 geht federführend an den Rechtsausschuss, mitberatend an den Sportausschuss und den Ausschuss für Arbeit und Soziales. Der Antrag 21/4293 liegt federführend beim Sportausschuss, der Antrag 21/5826 federführend beim Innenausschuss, jeweils mit dem Sportausschuss als Mitberater.1
Die Drucksachen
- 21/4290 – Gesetz zur Änderung der Strafprozessordnung – Zeugnisverweigerungsrecht in der Sozialen Arbeit und ehrenamtlichen Rechtsberatung – Fraktion Bündnis 90/Die Grünen3
- 21/4293 – Fanrechte im Fußball stärken – Diskriminierung und Repression bekämpfen, demokratische Beteiligung fördern – Fraktion Bündnis 90/Die Grünen4
- 21/5826 – Fankultur schützen – Dialog statt Repression, Mitbestimmung statt Diskriminierung – Fraktion Die Linke5
Der Gesetzentwurf will den Katalog des § 53 StPO um Sozialarbeiter und ehrenamtliche Rechtsberater erweitern. Der Grünen-Antrag verlangt unter anderem eine dauerhafte Finanzierung der Fanprojekte, nur örtliche Stadionverbote, kein personalisiertes Ticketing, keine KI-gestützte Videoüberwachung und eine Reform der Datei „Gewalttäter Sport“.3, 4
Die Linke will Einträge in dieser Datei nur nach Verurteilung zulassen, eine Expertenkommission zu Pyrotechnik samt Pilotprojekten einsetzen und ein Moratorium für Verschärfungen über die Innenministerkonferenz erreichen.5
Was unsere Redner gesagt haben
Lars Schieske stellte klar: Die deutsche Fankultur ist einzigartig. Choreografien, Gesänge, Auswärtsfahrten, Spendenaktionen und soziales Engagement werden von Fans getragen, die Woche für Woche Freizeit, Geld und Herzblut investieren, von Bayern München bis zum VfB Krieschow.1, 2
Dann kam er zum Kern. Ausgerechnet Grüne und Linke inszenierten sich als Schutzpatrone der Fans, obwohl sie Teile der Fanszene über Jahre mit Anfragen, Anträgen und Kampagnen politisch etikettiert hätten. Sein Urteil: „das ist keine Fanpolitik; das ist politische Heuchelei“ (Plenarprotokoll 21/82, S. 9884 C).1
Schieske verwies auf die Berichte der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze: weniger Verletzte, weniger eingeleitete Strafverfahren, weniger polizeiliche Einsatzstunden. Straftaten müssen verfolgt werden, Gewalt und Extremismus haben im Stadion nichts verloren. Was Fans brauchen, sind Respekt, Dialog und faire Behandlung: „Wir stehen zur deutschen Fankultur mit all ihren Ecken und Kanten.“ (Plenarprotokoll 21/82, S. 9884 D)1
Knuth Meyer-Soltau lehnte den Gesetzentwurf ab. Jede Ausweitung des Schweigerechts verenge die Aufklärung, das Feld sei nicht mehr abgrenzbar. Den Fanrechte-Antrag nannte er einen Wunschzettel für mehr Staat. Tobias Matthias Peterka wertete den Entwurf als Abwehrrecht gegen strafrechtliche Aufklärung.1
So haben die anderen Fraktionen argumentiert
Grüne: Helge Limburg sprach von über 25 Millionen Zuschauern in den ersten drei Herrenligen und rückläufigen Zahlen bei Polizeistunden, Verletzten und Strafverfahren. Er lehnte Pauschalmaßnahmen ab und forderte das Zeugnisverweigerungsrecht für Fanprojekte: „Grundrechte gelten auch im Stadion; Grundrechte gelten auch für Fans.“ (Plenarprotokoll 21/82, S. 9876 D)1
CDU/CSU: Axel Müller lehnte den Gesetzentwurf ab, weil er die Wahrheitsfindung im Strafverfahren schwäche. Stephan Mayer nannte 1 107 Verletzte in der Saison 2024/2025, unterstützte die Beschlüsse der Innenministerkonferenz und bundesweite Stadionverbote. Florian Oest warnte, kleinere Vereine dürften nicht durch Sicherheitskosten überfordert werden.1
SPD: Daniel Bettermann unterstützte das Zeugnisverweigerungsrecht für Fanprojekte und dankte den bundesweit rund 70 Fanprojekten. Viele Forderungen richteten sich aber an den falschen Adressaten, zuständig seien Länder, Verbände und Vereine. Linke: Clara Bünger wandte sich gegen personalisierte Tickets, KI-Überwachung und kollektive Stadionverbote.1
Warum das wichtig ist für die Fankultur im Fußball
Fankultur ist Ehrenamt. Fanclubs organisieren Fahrten, Choreografien und Spendenaktionen ohne Bezahlung. Im Amateurfußball halten dieselben Leute Vereine am Laufen: als Platzwart, Kassierer oder Jugendtrainer. Wer Fans pauschal als Risiko behandelt, trifft genau diese Menschen.
Die Debatte zeigt zwei Fehlentwicklungen. Die eine Seite redet Gefahr herbei, wo die Zahlen sinken. Die andere Seite entdeckt die Fans erst jetzt, nachdem sie Teile der Szene jahrelang politisch sortiert hat. Beides schadet dem Vertrauen zwischen Fans, Vereinen und Polizei.
Für Vereine geht es auch ums Geld. Jede neue Sicherheitsauflage und jede Kostenbeteiligung landet am Ende bei Klubs und Ehrenamtlichen. Unsere Position dazu ist klar: Sicherheit ist Staatsaufgabe, nicht Vereinssache, wie wir schon zu den Polizeikosten im Fußball dargelegt haben.6
Was wir fordern
- Fakten vor Maßnahmen: Neue Sicherheitsvorgaben nur auf Grundlage der aktuellen Lagebilder der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze, mit offengelegten Zahlen.
- Täter verfolgen, Fans schützen: Gewalttäter konsequent bestrafen, friedliche Stadionbesucher nicht unter Generalverdacht stellen.
- Dialog statt Belehrung: Regelmäßige Gespräche von Innenministern, Verbänden, Vereinen und Fanvertretern, ohne politische Etikettierung einzelner Fanszenen.
- Rechtsstaat nicht aufweichen: Keine pauschale Ausweitung des Zeugnisverweigerungsrechts auf die gesamte Sozialarbeit, wie sie Drucksache 21/4290 vorsieht.
- Vereine entlasten: Keine Abwälzung von Polizei- und Sicherheitskosten auf Vereine, bundesweit einheitlich geregelt.
- Ehrenamt der Fans anerkennen: Fanclubs und ehrenamtlich Engagierte im Amateurfußball bei Förderung und Bürokratieabbau mitdenken.
Fazit
Fußballfans sind keine Gefahrenquelle und kein politisches Spielzeug. Sie tragen Vereine, finanzieren Auswärtsfahrten selbst und füllen jedes Wochenende die Stadien. Wer Gewalt begeht, wird bestraft. Alle anderen verdienen Respekt.
Im Sportausschuss werden wir den Fanrechte-Antrag federführend beraten. Wir setzen dort auf Zahlen, klare Zuständigkeiten und Entlastung der Vereine. Wenn Du im Fanclub oder Verein aktiv bist: Sag uns, wo es bei Dir hakt. Ohne Ehrenamt läuft nichts, auch nicht in der Kurve.
Quellen
- Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 21/82, Stenografischer Bericht der 82. Sitzung, 10.06.2026. https://dserver.bundestag.de/btp/21/21082.pdf (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩ ↩
- Deutscher Bundestag, Mediathek: Rede von Lars Schieske (AfD), 82. Sitzung, 10.06.2026. https://www.bundestag.de/mediathek/video?videoid=7653996 (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩
- Deutscher Bundestag: Drucksache 21/4290, Gesetzentwurf der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Entwurf eines Gesetzes zur Änderung der Strafprozessordnung – Zeugnisverweigerungsrecht in der Sozialen Arbeit und ehrenamtlichen Rechtsberatung, 24.02.2026. https://dserver.bundestag.de/btd/21/042/2104290.pdf (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩ ↩
- Deutscher Bundestag: Drucksache 21/4293, Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Fanrechte im Fußball stärken – Diskriminierung und Repression bekämpfen, demokratische Beteiligung fördern, 24.02.2026. https://dserver.bundestag.de/btd/21/042/2104293.pdf (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩ ↩
- Deutscher Bundestag: Drucksache 21/5826, Antrag der Fraktion Die Linke, Fankultur schützen – Dialog statt Repression, Mitbestimmung statt Diskriminierung, 07.05.2026. https://dserver.bundestag.de/btd/21/058/2105826.pdf (abgerufen am 13.10.2026) ↩ ↩ ↩
- sportfrei.de: Polizeikosten im Fußball: Sicherheit ist Staatsaufgabe, nicht Vereinssache, 27.05.2025. https://sportfrei.de/ak-aktuell/polizeikosten-fussball-einheitliche-loesung/ (abgerufen am 13.10.2026) ↩