35 Prozent mehr Geld für Trainer – echter Fortschritt oder teure Kosmetik?
Du hörst es überall: Deutschland will zurück an die Weltspitze im Sport. Nach Jahren des Abwärtstrends bei Olympia soll nun endlich gehandelt werden. Die Bundesregierung kündigt eine satte Erhöhung der Mittel für das Leistungssportpersonal um rund 35 Prozent an. Klingt erstmal gut – aber was steckt wirklich dahinter? Kommt das Geld bei den Trainern an, oder bleibt alles beim Alten? Genau das betrifft auch dich – ob als Vereinsmitglied, Nachwuchsathlet oder Trainer, denn ohne starke Trainerstrukturen gibt es keine sportliche Zukunft für unser Land.
Was ist passiert?
Nach den enttäuschenden Ergebnissen der deutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Paris wächst der Druck auf die Politik. Die Sportministerin hat für den Bundeshaushalt 2027 eine deutliche Erhöhung des Titels „Leistungssportpersonal einschließlich mischfinanzierte Trainer“ im Sportetat (Einzelplan 04) angekündigt. Laut Fachverbänden und Medienberichten handelt es sich um eine Anhebung um etwa 35 Prozent gegenüber dem bisherigen Niveau. Betroffen sind vor allem die hauptamtlichen Trainer – von Chef- und Disziplintrainern bis zu Stützpunkt- und Nachwuchstrainern. Die Vergütung dieser Gruppen war seit Jahren ein Streitpunkt. Die Maximalvergütungen (z.B. Cheftrainer bis 104.000 Euro, Stützpunkttrainer bis 74.000 Euro brutto) wurden bisher selten dynamisch angepasst, Untergrenzen fehlen komplett. Der Bundesrechnungshof, Trainerverbände und der DOSB hatten immer wieder auf diese Missstände hingewiesen.
Warum ist das problematisch?
Die Erhöhung allein ändert nichts am Grundproblem: Viele Trainer arbeiten zu Dumpinglöhnen, unter hohem Zeitdruck und ohne klare Zukunftsperspektive. Die neuen Mittel können von den Verbänden auch genutzt werden, um mehr – aber nicht besser bezahlte – Stellen zu schaffen. Ohne verbindliche Gehaltsuntergrenzen sind weiterhin niedrige Löhne möglich, und ohne automatische Dynamisierung wird die Inflation die Gehälter in wenigen Jahren wieder entwerten. Schon heute überschreiten laut DOSB-Analyse ein Drittel der Trainer regelmäßig ihre Arbeitszeit um mehr als 25 Prozent – ohne Mehrvergütung. Gut ausgebildete Trainer verlassen Deutschland, weil sie im Ausland deutlich bessere Bedingungen vorfinden. Die Folge: Deutschland verliert Know-how und bleibt sportlich zurück.
Wer ist zuständig?
Die Mittel für die Bundessportfachverbände im Rahmen des Sportetats wurden vom Bundesinnenministerium des Innern vergeben bzw. nach der Umstrukturierung vom Bundeskanzleramt verantwortet. Die konkrete Umsetzung – also wie viele Trainerstellen geschaffen und wie diese bezahlt werden – liegt bei den Verbänden selbst, allerdings nach Vorgaben der Förderrichtlinie „Verbände“ (FR V). Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ist als Dachverband in die Abstimmung eingebunden, besitzt aber keine Weisungsbefugnis gegenüber den Verbänden. Der Bundesrechnungshof prüft regelmäßig, ob die Mittel zweckgerecht eingesetzt werden.
Widersprüche & offene Fragen
Ob die angekündigte Erhöhung tatsächlich in den Taschen der Trainer landet, ist aktuell völlig offen. Es gibt weiterhin keine gesetzlichen Mindestgehälter, keine Dynamik bei den Gehältern und keine Pflicht zur namentlichen Unterlegung der Trainerstellen bei der Mittelvergabe. Die Bundesregierung verweist auf „Flexibilität für die Verbände“, doch diese Flexibilität wurde in der Vergangenheit vor allem für niedrige Gehälter und befristete Arbeitsverträge genutzt. Auch bleibt unklar, ob die Erhöhung 2027 eine einmalige Maßnahme bleibt oder endlich ein Systemwechsel erfolgt. Stand heute fehlt jede Garantie, dass das Geld nicht einfach auf mehr, aber schlechter bezahlte Stellen verteilt wird.
Was wir fordern: Echte Trainer-Offensive – nicht nur mehr Geld, sondern mehr Substanz!
- Verbindliche Gehaltsuntergrenzen für alle Bundestrainer, Disziplintrainer und Stützpunkttrainer – gekoppelt an Qualifikation und internationale Standards.
- Automatische, transparente Dynamisierung der Trainergehälter – mindestens im Gleichschritt mit der Diätenentwicklung der Bundestagsabgeordneten.
- Pflicht zur namentlichen Unterlegung jeder Trainerstelle, die mit Bundesmitteln finanziert wird – Schluss mit der Verschleierung, wo das Geld wirklich ankommt.
- Keine Bundesmittel mehr für Dumpinglöhne – wer Trainer unter Mindeststandard bezahlt, bekommt kein Geld aus dem Bundeshaushalt.
- Verzahnung mit verbesserter Athletenförderung – nur wenn auch die Sportler abgesichert sind, gibt es nachhaltige Erfolge.
- Sportetat auf Spitzenniveau – mittelfristig muss der Sportetat auf mindestens eine Milliarde Euro jährlich steigen, um mit den Weltbesten mitzuhalten.
- Jährlicher Bericht über die Mittelverwendung – Transparenzpflicht gegenüber dem Bundestag, den Vereinen und der Öffentlichkeit.
Fazit
35 Prozent mehr Geld für das Leistungssportpersonal – das klingt nach Fortschritt, ist aber nur dann mehr als Symbolpolitik, wenn endlich die strukturellen Probleme gelöst werden. Ohne verbindliche Untergrenzen, klare Dynamisierung und Kontrolle der Mittelverwendung bleibt die Gefahr groß, dass sich an den schlechten Arbeitsbedingungen der Trainer nichts ändert. Deutschland braucht keine Kosmetik, sondern eine echte Trainer-Offensive.
Klare Botschaft:
Ohne starke Trainer gibt es keine Sportnation! Wir fordern: Schluss mit halben Maßnahmen – die Bundesregierung muss jetzt verbindliche Standards und Sicherheiten schaffen, damit Trainer und Athleten in Deutschland endlich wieder Weltklassebedingungen vorfinden. Unser Einsatz gilt einer echten sportlichen Zukunft für Deutschland – alles andere ist Augenwischerei.
Quellenangaben
2. Deutscher Bundestag, Drucksache 19/8989: „Automatische Anpassung der Vergütung für das Leistungssportpersonal“
3. Deutscher Bundestag, Drucksache 20/10066: „Die Grundförderung für Kadersportler ohne Sportförderstelle muss angehoben werden“
4. Bundesrechnungshof: Bericht zu ausgewählten Aspekten der Reform der Spitzensportförderung (2022)
5. DOSB: Positionspapier Trainerförderung und Vergütung (2023)


